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Agnes: Der neue Vorschlag der Bundesnetzagentur zur Finanzierung des Stromnetzes – Chancen, Risiken und Kritik
Die Energiewende ist in vollem Gange, der Ausbau von Photovoltaik und Windkraftanlagen schreitet zügig voran. Doch mit dem Zuwachs an erneuerbaren Energien kommt das Stromnetz zunehmend an seine Belastungsgrenzen. Um das Netz zukunftssicher und stabil zu gestalten, braucht es massive Investitionen. Genau hier setzt die Bundesnetzagentur mit ihrem neuen Diskussionspapier “Agnes” an. In diesem Blogartikel beleuchten wir, worum es bei “Agnes” geht, welche konkreten Vorschläge auf dem Tisch liegen, welche Kritik laut wird – und was das für private Haushalte, Solarbetreiber und die Energiewende insgesamt bedeutet.
Was ist Agnes?
“Agnes” steht für “Allgemeine Netzentgeltverordnung Strom”. Das Diskussionspapier wurde von der Bundesnetzagentur im Frühjahr 2025 vorgestellt. Ziel ist es, die bestehende Netzentgeltstruktur grundlegend zu reformieren, um die Finanzierung des dringend notwendigen Netzausbaus langfristig zu sichern.
Die aktuelle Netzentgeltverordnung stammt aus einer Zeit, in der zentrale Kraftwerke das Netz dominierten und Einspeisung aus dezentralen Quellen kaum eine Rolle spielte. Das hat sich grundlegend geändert: Allein die installierte Photovoltaikleistung in Deutschland übersteigt bereits 100 GW, und an sonnigen Tagen wird mehr Strom eingespeist als lokal verbraucht werden kann.
Dazu kommt: Die EU hat Deutschland aufgefordert, die derzeitige Entgeltstruktur zu überarbeiten, da sie nicht konform mit den Elektrizitätsbinnenmarktrichtlinien sei. Die aktuelle Regelung gilt nur noch bis Ende 2028.
Worum geht es konkret bei Agnes?
Das Diskussionspapier enthält drei zentrale Vorschläge:
Ein Netzentgelt für Einspeiser
Bisher zahlen nur Verbraucher Netzentgelte, nicht aber Einspeiser. Das soll sich ändern: Auch Betreiber von PV-Anlagen, Batteriespeichern oder anderen dezentralen Einspeisequellen sollen künftig für die Nutzung des Netzes zahlen. Der Vorschlag ist besonders umstritten, da er die Wirtschaftlichkeit kleiner PV-Anlagen verschlechtern würde.
Kapazitätspreise und höhere Grundgebühren
Die Bundesnetzagentur prüft die Einführung von sogenannten Kapazitätspreisen. Dabei wird nicht mehr allein nach dem Stromverbrauch abgerechnet, sondern nach der maximalen Anschlussleistung – ähnlich wie in der Industrie bereits üblich. Die Idee dahinter: Wer viel Leistung bereithalten möchte (z. B. für eine Wallbox oder eine große Wärmepumpe), soll auch mehr bezahlen.
Das würde insbesondere Haushalte mit Elektroautos oder modernen Heizsystemen belasten – also genau die Zielgruppe, die eigentlich bei der Energiewende mitmacht.
Dynamische Netzentgelte
Diese sollen sich an der tageszeitabhängigen Netzbelastung orientieren. Klingt auf den ersten Blick sinnvoll: Wer seinen Strom bei geringer Netzlast nutzt, zahlt weniger, wer zur Spitzenzeit das Netz belastet, mehr. Doch Voraussetzung dafür sind flächendeckend installierte Smart Meter – und daran hapert es in Deutschland gewaltig: Nur rund 5 % der Haushalte haben bislang ein intelligentes Messsystem.
Kritik und offene Fragen
Besonders scharf kritisiert wird die geplante Einspeisegebühr. Der psychologische Effekt könnte verheerend sein: Wenn sich das Einspeisen weniger lohnt, könnten viele Hauseigentümer kleinere PV-Anlagen bauen oder ganz auf eine Installation verzichten – das wäre ein Rückschritt für die bürgernahe Energiewende.
Zudem wirkt der Vorschlag widersprüchlich: Auf der einen Seite sollen Verbraucher netzdienlich agieren, Speicher nutzen und flexibilisieren – auf der anderen Seite werden genau diese Verhaltensweisen mit Gebühren belegt. Auch bleibt offen, wie dynamische Netzentgelte umgesetzt werden sollen, solange keine ausreichende Smart-Meter-Infrastruktur vorhanden ist.
Ein weiteres Problem: Die Vorschläge gelten offenbar auch für Bestandsanlagen, was Vertrauen in die rechtliche Sicherheit untergräbt und für Unmut in der Branche sorgt.
Wie teuer wird der Netzausbau wirklich?
Laut der Bundesnetzagentur wird der Netzausbau bis 2045 rund 600 Milliarden Euro kosten. Das klingt dramatisch, ist aber relativ:
• Umgerechnet sind das 30 Milliarden Euro pro Jahr.
• Zum Vergleich: Jährlich gibt Deutschland aktuell etwa 80 Milliarden Euro für fossile Energieimporte aus.
• Die Investitionen bleiben im Inland und schaffen lokale Wertschöpfung, während fossile Ausgaben ins Ausland fließen.
• Zum Vergleich: Jährlich gibt Deutschland aktuell etwa 80 Milliarden Euro für fossile Energieimporte aus.
• Die Investitionen bleiben im Inland und schaffen lokale Wertschöpfung, während fossile Ausgaben ins Ausland fließen.
Das Netz muss ohnehin modernisiert werden. Das derzeitige Stromnetz stammt zu großen Teilen aus der Nachkriegszeit. Um Strom aus dezentraler Erzeugung, Speichern und flexiblen Verbrauchern zu integrieren, braucht es ein “Stromnetz 2.0”.
Was kann man jetzt tun?
Bis Ende Juni 2025 besteht die Möglichkeit, zum Diskussionspapier “Agnes” Stellung zu nehmen. Die Bundesnetzagentur lädt alle Akteure – von Netzbetreibern über Verbände bis zu Bürgerinnen und Bürgern – dazu ein, sich einzubringen.
Hier geht’s zum Video, in dem wir die wichtigsten Punkte diskutieren:
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Fazit: Zwischen Modernisierung und Marktverzerrung
“Agnes” ist ein notwendiger Versuch, die Netzentgeltstruktur zu reformieren. Doch in der jetzigen Form droht das Papier, die Energiewende auszubremsen statt zu beschleunigen. Wer will, dass Bürger mitmachen, muss sie unterstützen – nicht belasten. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Bundesnetzagentur bereit ist, Kritik und Vorschläge aufzunehmen und eine gerechtere, praktikable Lösung zu finden.
YouTube-Video abspielen
05. August 2025
ENERGIEVERSORGUNG